Die Wege der Lecheras

Wege verbinden. Über Grenzen, über Berge. Stadt und Land. Vor allem in Zeiten, in denen man hier überwiegend zu Fuß ging oder günstigstenfalls ritt, war ein gutes Wegenetz unverzichtbar. In noch nicht allzu ferner Vergangenheit überzog ein dichtes Netz von Wegen Teneriffa. Die meisten waren eher kurz, verbanden Gehöfte oder die zahlreichen kleinen Weiler miteinander. Nur selten erreichten sie Längen von mehreren Kilometern. Manche, wie der Camino de Abicor zwischen San Andrés und Taganana, stammen noch aus der Guanchenzeit und waren seither bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wichtige Lebensadern. Erst mit dem gegen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Straßenbau verloren sie nach und nach ihre Bedeutung. Manche werden heute als Wanderwege wiederentdeckt. 288 traditionelle Wege mit etwa 455 km Gesamtlänge sind allein für das Stadtgebiet von Santa Cruz dokumentiert. Außer der eigentlichen Hauptstadt umfasst dieses fast die gesamte Anaga-Halbinsel. Praktisch jedes kleine Dorf – Afur, Taborno, Los Batanes, Taganana, Chamorga – hatte seine eigene Verbindung zur Metropole. Unterwegs zur Stadt trafen sie zusammen und vereinigten sich. Kaum einer hatte den Status eines Camino Real und unterstand der spanischen Krone. Aber manche von ihnen hatten große Bedeutung für Stadt und Land; denn über sie wurden Lebensmittel in beide Richtungen befördert. Königliche Wege waren oft und über lange Strecken gepflastert. Daran sind sie heute noch gut erkennbar. Die anderen Wege waren so, wie zahllose Füße sie im Lauf der Jahrhunderte ausgetreten hatten: steinig und uneben, manchmal fest, manchmal schlammig oder mit tückischem Geröll bedeckt.

Fast jeder kennt die kleine Fischverkäuferin am Hafen von Puerto de la Cruz. Eine ähnliche Bronzestatue steht vor dem Mercado de Nuestra Señora de África in Santa Cruz. Nur bringt diese keine Meeresfrüchte, sondern Milch. Sie heißt „La Lechera“. Nicht weit entfernt von ihr kann man an der Fuente de Santo Domingo eine bronzene Wasserträgerin entdecken. Zweierlei ist allen drei Frauen gemeinsam: Sie tragen die Lasten auf dem Kopf und gehen barfuß. Ich erinnere mich gut an das Bild, das man in den 1960er-Jahren regelmäßig in unserer Nachbarschaft in den Außenbezirken von Puerto beobachten konnte. Nicht alle Haushalte hatten damals fließendes Wasser. Frauen holten es in großen Eimern, die sie mit einer Hand auf dem Kopf balancierten. Expertinnen schafften das auch freihändig, vor allem, wenn sie nur beieinander standen und sprachen. Am Ende jenes Jahrzehnts kam mir zwischen Chinamada und Chamorga eine ganze Karawane schwatzender Frauen auf dem schmalen Weg entgegen, auf den Köpfen große Körbe mit Gemüse. Die Straße war damals noch nicht gebaut und dementsprechend die Vergangenheit noch lebendige Gegenwart. Selbstverständlich trugen sie Schuhe. Die damals bei der Landbevölkerung üblichen „Lonas“ aus einer profillosen Gummisohle ohne Absatz und als Obermaterial ungefärbte Baumwolle. Von den Fischverkäuferinnen aus Puerto wird berichtet, sie hätten den frischen Fang ihrer Männer barfuß über das Pflaster des Camino Real nach La Orotava getragen, um ihre empfindlichen Lederstiefeletten zu schonen. Vom Ortseingang an und zum Verkauf der Ware wären sie dann mit Schuhen gegangen, um keinen zu ärmlichen Eindruck zu erwecken. Vielleicht war das bei den Lecheras ähnlich.

Ob die Lecheras aus dem Umland der alten und der neuen Inselhauptstadt wirklich unbeschuht liefen, weiß ich nicht. Tatsache ist jedoch, dass sie bis 1962 täglich die Milch von den Bauernhöfen des Umlandes in die Städte trugen. Das war für viele Bauernfamilien die Haupteinnahmequelle. Dann wurde diese Art des Milchverkaufs durch den Staat verboten. Angeblich war das unhygienisch, und außerdem, behauptete man, sei die Milch oft mit Wasser gepanscht. Iltesa, eine neu gegründete Monopolgesellschaft, wurde mit der Milchversorgung beauftragt. Die Bäuerinnen protestierten vehement. Es kam zu Protestmärschen, die für einige von ihnen mit polizeilicher Unterstützung direkt ins nächste Gefängnis führten.  Entgegen den ursprünglichen Ankündigungen kaufte Iltesa aber die Milch der Bauern nicht auf, sondern importierte Milchpulver, um daraus mit Wasser Milch herzustellen. Bestimmt bin ich nicht der Einzige, der sich an den grausigen Geschmack dieser weißen Flüssigkeit in Flaschen erinnert. In der Folge trennten sich immer mehr Bauern von ihren Kühen. Mehrere Tausend Stück sollen es vorher gewesen sein. Und schlagartig waren die Lecheras Geschichte.

Eigentlich kamen sie auf vielen Wegen in die Stadt. Einer bekam ihren Namen. Der Camino de las Lecheras verbindet dem Anspruch nach die alte mit der neuen Inselhauptstadt. Eigentlich beginnt aber das, was von ihm übrig blieb, im Ortsteil Jardina, genau gegenüber dem Restaurante „Rincón del Mago“. Dort kann man sein Auto gut parken. Es geht bergauf und bergab. Erst sieht man ab und zu zwischen den Bergen die Vororte La Lagunas, dann kommt immer mehr von Santa Cruz in Sicht.  Man kann den Weg kaum verfehlen. Er ist oft weit voraus sichtbar. Allerdings ist er streckenweise bis auf einen schmalen Trampelpfad zugewachsen. Sieht man genau hin, lässt sich die ursprüngliche Breite, Werk ungezählter eifriger Füße, noch gut genug erkennen.

Jetzt im Frühjahr ist es dort üppig grün. In den nächsten Wochen werden sich immer mehr Blüten öffnen. Es lohnt sich, öfter dort zu wandern. Nicht nur der Landschaft wegen. Auch auf den benachbarten Bergen gibt es ähnliche Wege zur Stadt. An einem Hang erkennt man Stallungen und Wirtschaftsgebäude, aber ohne Wohnhaus. In ihrer Nähe weiden Rinder. Wenigstens noch ein paar von einst vielen.

Wir haben gerne auf die Rückfahrt von Santa Cruz mit dem Bus und das mehrfache Umsteigen verzichtet und sind, wie früher die Lecheras, auf dem gleichen Weg zurückgekehrt. Er ist in dieser Richtung nicht weniger hübsch. Wir hätten bei „El Mago“ einkehren können. Das Essen dort ist gut. Aber uns war mehr nach Kaffee und Kuchen. Kurz vor dem Kreisverkehr bei der TF-13 in der Pastelería „El Rayo“ gibt es ein schier unendliches Angebot an Torten, Törtchen und Kuchen. Eine kleine Selbstbelohnung.

Michael von Levetzow
Tenerife on Top
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