Casa Fuset - ein Haus mit Geschichte(-n)

Einsam, abgelegen und mit einer besonderen Aussicht auf Bejia, den Barranco Seco und die Nordküste verfällt im Nebelwald des Anagagebirges  ein ehemals herrschaftliches Anwesen, von dem manche behaupten, es sei der Landsitz des früheren spanischen Staatschefs und Diktators Franco gewesen. Auch wenn dies nicht der Fall war, ranken sich Gerüchte und P1040644 1Legenden um diese Ruine. Sie bietet dazu auch alle Voraussetzungen.
Nach mehreren Bergsteigertagen war bei uns Wellnesswandern angesagt: Von Cruz del Carmen nach Tegueste. Wir nahmen den Weg nach Bajamar bis zur Straße nach El Batán. Von dieser zweigt im Scheitel der zweiten Rechtskurve eine Piste in Richtung Tegueste ab, der wir folgten, bis sie auf eine quer dazu verlaufende Piste trifft. Man könnte hier nach links abbiegen und direkt weiter nach Tegueste wandern. Wir hielten uns aber rechts. Auch dieser  etwas längere Weg führt nach Tegueste. Beide Pisten treffen sich vor dem letzten steilen Abstieg  bei La Orilla wieder.  Der Weg ist auch an Regentagen gut geeignet, weil man entlang des gesamten Weges immer griffigen Untergrund findet, auf dem die Sohlen Halt haben. Außerdem geht es zunächst lange sanft (Wellness!) und erst am Ende steil abwärts. Der Abstieg über den Camino de La Orilla ist allerdings etwas alpin und nur Wanderern mit guter Trittsicherheit zu empfehlen.
Wir nahmen die rechte Piste, weil von dieser als nächste Möglichkeit der Weg zur Casa Fuset rechts abzweigt. Seit Jahren wächst dieser Pfad zu. Es gibt umgestürzte Bäume. An einer Stelle ist die Böschung nach den letzten Unwettern von oben abgerutscht, doch gar nicht so alte Trittspuren zeigen uns, dass hier immer noch Leute gehen. Erst geht es auf gleicher Höhe am Hang entlang, dann biegt die Spur nach links und läuft abwärts direkt auf die noch nicht sichtbare Ruine zu. Links von uns tauchen betonierte Stufen auf, die man aber besser nicht benutzt – sie enden im Dickicht unmittelbar vor dem Haus.
Eng beieinander stehen Haupt- und Nebengebäude. Einige Räume sind in den Fels gehauen. Der Bergrücken ist hier so schmal, dass zu den Seiten kaum Platz bleibt. Eine große, aber keine großzügige Anlage. Einzig die talseitig anschließende kreisrunde Terrasse und jenseits davon der Überrest eines kleinen Gartens lassen erahnen, dass hier früher einiger Wohlstand geherrscht hat. Ursprünglich war die Terrasse von einem Kranz aus hohen Pfeilern begrenzt, die einen Betonring vom gleichen Umfang des Kreises trugen. An diesem konnte man im Sommer eine Pergola befestigen. Die Pfeiler sind verschwunden, und kürzlich erzählte mir eine Frau in vollem Ernst, dies sei Francos Hubschrauberlandeplatz gewesen, damit der Diktator sich heimlich dorthin begeben konnte.  Ich zumindest habe in den letzten zehn Jahren  der Francodiktatur, die ich hier erlebt habe, nie einen Heli über die Insel fliegen gesehen. So heimlich waren die wohl damals! Und im Internet wird die Fläche bereits mit Hexenkräften assoziiert. Andere mutmaßen, von hier sei Franco heimlich zu Pferde zum Verschwörertreffen bei Las Raices aufgebrochen, und übersehen dabei, dass  für dieses Treffen eine Stabsübung herhielt. Geheim waren nur die Inhalte, nicht das Treffen selbst. Es ist fraglich, ob Franco in seiner kurzen Zeit auf Teneriffa jemals hier gewesen ist.

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Innen im Haus liegen Schutt und Müll. An manchen Stellen sind Fliesen abgenommen worden. Reste davon lassen erkennen, dass diese einst sehr wertvoll waren. In den Wandschränken waren die Böden aus Marmorplatten, die jemand beim Versuch, sie auszubauen, zerschlagen hat. Ihre Reste sind noch vorhanden.
Lorenzo Martínez Fuset kam als Militärstaatsanwalt nach Teneriffa und heiratete in eine einflussreiche und begüterte Familie der Insel ein. Sein Schwiegervater, der Politiker und Journalist Benito Pérez Armas hatte das versteckte Haus im Anaga als Sommerfrische mit angeschlossener kleiner Landwirtschaft  erbauen lassen. Das Gelände hatte seine aus einer alten Lagunenser Familie stammende Ehefrau in die Ehe eingebracht. Nach Don Benitos Tod erbte dessen Tochter, Fusets Ehefrau, Land und Haus. Als Militärstaatsanwalt war Fuset wegen der Härte seiner Anträge schnell bekannt. Mehrere Todesurteile, die 1934 auf sein Betreiben nach einem Generalstreik in Hermigua (La Gomera) verhängt worden sind, werden noch heute erwähnt. Sie waren durch die damalige republikanische Regierung schnell amnestiert worden, was allerdings nach dem Beginn des Franco-Putsches nichts mehr galt. 1936 wurden die Urteile ohne neuerliche Verhandlung vollstreckt. Zu Beginn dieses Jahres war der ehemalige Oberbefehlshaber des spanischen Heeres, Franco, nach Teneriffa verbannt worden. Fuset und Franco wurden schnell vertraute Freunde. Bei Putschbeginn ließ Franco seine Frau und seine Tochter in Fusets Obhut zurück, bis diese unter falschem Namen mit dem deutschen Dampfer „Waldi“ nach Le Havre gebracht werden konnten. Fuset folgte danach Franco auf das Festland und organisierte für die Putschisten in den unterworfenen Gebieten die Kriegs- und Militärgerichte. Von da an gingen alle Todesurteile, die Franco unterzeichnete, zuerst über seinen Schreibtisch. Nach dem Bürgerkrieg beendete Fuset seine militärische Laufbahn und ließ sich als Notar in Sta. Cruz nieder. Bis zu seinem Tod 1961 war er außerdem Mitglied mehrerer Aufsichtsräte wichtiger einheimischer Unternehmen. Danach wurde das Haus durch die Familie zunehmend weniger genutzt und schließlich dem Verfall preisgegeben. Den Rest besorgten Plünderer und Vandalen.
Auf dem Rückweg zur Piste kam uns eine spanische Wandergruppe entgegen. Das Haus ist noch lange nicht vergessen.

Michael von Levetzow
Tenerife on Top
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Tel. 922 383 450
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