Flaches Land und steile Küsten

Die Kanarischen Inseln sind steil, jedenfalls die meisten. Nur Lanzarote und Fuerteventura besitzen größere, wenn auch weitgehend unfruchtbare Ebenen. Fruchtbare Zonen waren seit der Eroberung der Inseln vor fünfhundert Jahren bei den neuen Siedlern sehr begehrt. Je flacher, desto besser; denn dort ließ sich leichter wirtschaften und auch ein Haus bauen. Auf Teneriffa gab es davon nur wenig, eigentlich nur zwischen Garachico und Buenavista del Norte, auf der Isla Baja, der niedrigen Insel.

Punta del Hidalgo wurde ebenfalls auf einer Isla Baja errichtet. Die allerdings lag ziemlich niedrig und war daher klimatisch eher ungeeignet für den Anbau von Getreide und Gemüse oder gar Zuckerrohr. Letzteres versprach im 16. Jahrhundert reichlichen Gewinn, brauchte aber für Anbau und Verarbeitung viel Wasser. In Punta del Hidalgo regnete es zu selten, war es zu heiß, zu salzig, und gute, bewässerbare Böden waren auch rar. Dort gab es wenig zu erwirtschaften. Weiter oben, bei Tejina, Tegueste und im Valle de Guerra war es güns­tiger, aber auch meistens steiler.

Ganz anders war es am anderen Ende der Insel. Die dem Teno-Gebirge vorgelagerte Isla Baja – „die Isla Baja“ – erhielt reichlich Wasser aus dem Monte de Agua, wo wir noch heute beobachten können, wie der Lorbeerwald die Wolken auskämmt und ihr Wasser dem Boden zuleitet. Die Böden liegen auch höher und sind fruchtbarer. Kein Wunder also, dass sich auch hier der Anführer der Eroberer, Alonso Fernández de Lugo ein großes Stück des bes­ten Landes sicherte und dort Zuckerrohr anbauen und verarbeiten ließ. Die Zuckerfabriken von damals sind allerdings längst verschwunden. Aber einige große Landhäuser aus dieser Zeit stehen noch zwischen Bananen, mit deren Anbau man vor etwas mehr als 100 Jahren begann. Hier war immer – oder fast immer? – gutes, begünstigtes Land.

Wenn wir in dieser Gegend wandern – dazu gibt es verschiedene gute Wege – kann uns die Landschaft einiges erzählen. Südlich von uns erhebt sich steil und bis zu 700 m hoch das Teno-Gebirge. In einer weit ausholenden Rundung begrenzt es die Ebene mit einigen Ortschaften und endlosen Bananenpflanzungen. Gehen wir etwas nach Norden in Richtung des Meeres, bricht bald die felsige Küste abrupt vor uns ab, und wir können bizarre Basaltklippen und verlockende Meerwasserpools entdecken. Und was erzählt uns das?

Vor unseren Füßen oder noch ein paar Meter voraus endeten die Lavaströme, die hier zu dunklem, hartem Basalt erstarrten. Vor allem dort, wo sich der Basaltrücken zum Meeresspiegel absenkt und darunter noch etwas fortsetzt, ist das gut erkennbar. An den steilen Wänden daneben haben die unentwegt anrollenden Wellen schon einige Arbeit geleistet, Teile abgebrochen und die typische Steilküste geschaffen. Dafür standen bisher etwa 150 000 Jahre zur Verfügung, was hier noch nicht so richtig alt ist.

Davor flutete dort, wo wir jetzt an der Küste stehen, ziemlich lange, wahrscheinlich mehr als zwei  Millionen Jahre lang, das Meer. Und vor drei Millionen Jahren oder etwas davor war hier schon einmal festes Land und wurde genauso beständig abgetragen wie die Steilküste, auf der wir gerade stehen. Das Meer hatte sich weit ins Land vorgegraben, bis zu den steilen Bergen, deren Wände die heutige Isla Baja nach Süden abgrenzen. Dort hinten, heute bis zu etwa drei Kilometer landeinwärts, war damals die Küste. Heute ist sie fossil. Wahrscheinlich bot sie damals einen Anblick wie heute die Klippen von Los Gigantes, die ähnlich hoch und steil sind. Wie dem auch sei, auch wenn wir an dem Gelände diese Zeitspannen nicht einfach ablesen können, dass diese fossile Küste eine ziemlich lange Entstehungszeit brauchte, viel länger als die junge heutige Küs­te, ist leicht erkennbar.

Vor ihr war das Meer flach und bekam zusätzlich zu den Felstrümmern, die gelegentlich von den bis zu 700 m hohen Klippen abbrachen, noch den ganzen Schutt der einmündenden Barrancos, vor allem aus dem Tal von El Palmar. Durch diese Sedimente drang frische Lava nach oben, breitete sich in alle Richtungen aus und drängte das Meer erneut zurück. Die beiden schönen Vulkankegel der Montaña de Aregume bei Los Silos und der Montaña Taco bei Buenavista entstanden damals. Sie erhielten sehr wirksame Unterstützung durch die Vulkane von El Palmar, deren mächtiger Basaltstrom das breite Tal ganz ausfüllte und vor der alten Küste ein großes Delta aus Lava entstehen ließ. Als die Lava stoppte und erstarrte, bildete sich der breite gewölbte Rücken, über den sich heute die Straße emporwindet. Westlich davon verläuft immer noch zwischen Weingärten und Brachland der alte Camino Real von El Palmar nach Buenavista, den auch die Leute aus Masca und Los Carrizales benutzten. Von ihm hat man nicht nur einen guten Blick auf den ausgebreiteten Lavafächer, sondern auch in den engen Barranco, der sich in diese Lava eingeschnitten hat und uns die dicken Basaltpakete zeigt, den damaligen Strom, der die Isla Baja ganz wesentlich geformt hat. Das Geröll des Barrancos und  was von oben weiterhin abgetragen wurde, hat sich seitdem auf dem Fächer verteilt und die Böden verbessert. Und deswegen ist es hier günstiger und fruchtbarer als in Punta del Hidalgo.

Michael von Levetzow
Tenerife on Top
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