La Catedral

In La Laguna steht Teneriffas Kathedrale. Äußerlich mit typisch neobarocker Fassade lässt sie nicht erahnen, welch ungewöhnliche Architektur in ihrem Inneren auf den Besucher wartet. Die zweite Kathedrale steht in … ? Candelaria? Nein. Die dortige Basilika ist eine Wallfahrtskirche und kein Bischofssitz. Die zweite Kathedrale Teneriffas ist groß und hoch wie der Kölner Dom und steht am Rand der Ucanca-Ebene in den Cañadas del Teide. La Catedral hieß ursprünglich Roque de La Ucanca. Vor 60 Jahren erreichten die ersten Kletterer ihren Gipfel und gaben ihr den heutigen Namen.

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Schon der zweite Tag mit dicken Wolken über dem Orotavatal, ab und zu ein kurzer kräftiger Schauer. Wir könnten wieder mit Regenkleidung losziehen – wie gestern, als wir schließlich im Schutz einer Felsklippe unter unserem vorsorglich mitgenommenen Schirm hockten und abwarteten, bis der Platzregen endlich nachließ. Heute war uns nach Sonne. Kaum erkennbar, mehr eine Ahnung deutete sich oben am Portillo ein leichter himmelblauer Streifen an. Mit Regen- und Windjacken im Rucksack fuhren wir hinauf. Nur mal eine oder zwei Stunden in der Sonne P1060217 2laufen. Wir waren nicht die Einzigen. Alle Plätze entlang der Cañadas-Straße waren zugeparkt. Erst jenseits der Azulejos, wo sich die Straße hinunter in die Ucanca-Ebene senkt, war der Rummel zu Ende. Aber dorthin wollten wir sowieso. Am Mirador de Ucanca erreichten wir den Sendero 26, der nach knapp 2 km in den Rundweg um die Roques de García mündet.
Die Novembersonne stand trotz der Mittagszeit relativ niedrig. Licht und vor allem die scharf gezeichneten Schatten ließen die Wände der Caldera auf der einen und die Roques auf der anderen Seite plastisch hervortreten. Wieder einmal prunkten die Cañadas mit unendlicher Vielfalt an Farben: weiß, ocker, braun, rot, türkis in allen Nuancen und dazwischen das erste, frische Grün der Büsche des Alheli del Teide. Rechts über uns prangt der mächtige Felsklotz der Guajara und im Hintergrund überragt der Teidegipfel mit seinen Farben die hellen, leicht rötlichen Felsen, die immer höher wachsen, je mehr wir uns ihnen auf dieser weiten Ebene nähern. Zweimal begegnet uns jemand. Wir sind hier nahezu allein und können entdecken: Angepflanzte und mit Gitterröhren geschützte Retamas. Daneben zwei eingezäunte Versuchsflächen. Bei der einen reicht der engmaschige Zaun bis zum Boden und sperrt Mufflons und Kaninchen gemeinsam aus. Bei der anderen haben nur Kaninchen Zutritt. Dort wachsen keine jungen Retamas, wohl aber auf dem anderen Areal. Deutlicher kann man nicht zeigen, wie sehr die kleinen Nager die Retama gefährden. Die entlang des Weges liegenden Markierungssteine sind bunt wie die Wände im Hintergrund, von denen sie stammen. Manche enthalten deutliche Kristalle, andere eingebackene Lavabruchstückchen in anderer Farbe. Das sind mitgerissene Wandteilchen aus dem Schlot, in dem diese Lava einst aufgestiegen ist. Viele sind sehr leicht und porös, andere sehr schwer und kompakt. Manche helle Steine klingen wie Tonscherben, wenn sie gegen einen anderen Stein schlagen. Andere, mit zum Verwechseln ähnlichem Aussehen klingen nicht, machen nur dumpf und kurz „plopp“. Was klingt, ist Phonolith, das Gestein, aus dem die bizarren Felsen hier aufgebaut sind. Das andere sind Ignimbrite, die vermutlich vom Rand der Caldera stammen.
La Catedral wird zunächst noch teilweise von einem kleineren, aus unserer Richtung vor ihr liegenden Felsen verdeckt. Erst als wir seitlich von ihr gehen, steht sie nahezu frei da. Ihr Gipfel erhebt sich etwa 160 m über der Ebene. Das „Kirchenschiff“ zeigt nach Norden. An der Südseite führt ein Wall vom benachbarten Felsen zum „Haupteingang“ in 40 m Höhe. In dessen Nähe führt auch der Weg vorbei, der vom Mirador bei den Roques de García herunterzieht. Zahlreiche Gruppen und Einzelwanderer sind hier unterwegs, bis der Nachmittagsbus die meisten Besucher wieder zu ihren Hotels befördert.
Zahlreiche Säulen und Türmchen gestalten die Fassaden der Catedral. Sie entstanden, als sich in einem Vulkanschlot die Lava abkühlte und erstarrte. Das dürfte einige Tausend Jahre gedauert haben; denn dieser Schlot war ursprünglich an seinen Seiten von ausgeworfenem Material bedeckt. Es stammte wahrscheinlich nicht von diesem Vulkan selbst, sondern von einem älteren und größeren, der hier einmal stand. Der Catedral-Vulkan war nur eine kleine Seitenöffnung, wie auch die höher liegenden Roques de García, die überwiegend auf Seitenausbrüche am großen Vulkan zurückgehen. Beim Abkühlen zog sich die Lava zusammen, Risse entstanden, setzten sich nach Innen fort und zerlegten die erstarrende Flüssigkeit in Pakete: Säulen. Zuerst geschah das an den Grenzflächen zum umgebenden Gestein oder zur Luft. Deswegen zeigen die Säulen im unteren Bereich der Catedral fächerförmig nach außen und am Gipfel nach oben.
Ab und zu blinkt aus den Wänden etwas metallisch zu uns her. Sicherungshaken sind an verschiedenen Stellen durch Kletterer angebracht worden und zeigen dem Kennerblick, wo hier die Routen verlaufen. Bei anderen Kathedralen zahlt man Eintritt, um auf den Turm steigen zu dürfen. Hier reicht es, klettern zu können. Gemeinsam ist allen Türmen: Von oben haben wir eine ganz andere Sicht auf die Welt.

Michael von Levetzow
Tenerife on Top
www.tenerifeontop.eu
Tel. 922 383 450
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