Añavingo

Ein Felssturz, ein tödlicher Unfall, seit Ende Oktober ist der Barranco del Infierno wieder einmal geschlossen. Sicherheit geht vor. Alternativen? Es muss nicht immer Masca sein. Teneriffa bietet mehr als 100 große Schluchten – und einige davon sind nicht nur etwas ganz Besonderes, sie sind auch selten besucht. Es sei denn, dass zufällig dort eine Wallfahrt unterwegs ist. Die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr gering. In den Barranco de Añavingo oberhalb des Musikerdorfes Arafo geht nur alle paar Jahre einmal eine Prozession. Immer dann, wenn es die Leute dort richtig finden. Der Weg wird aber dauerhaft instand gehalten und ermöglicht auch ungeübten Wanderern den Eintritt in eine bezaubernde Welt.

Arafo ist vom großen Tourismus noch weitgehend unberührt. Als Autofahrer macht man besser einen großen Bogen um den Ort, dessen Gewirr aus kleinen Straßen und Gassen vorwiegend aus Einbahnstraßen bestehen zu scheint, die den Ortsunkundigen nahezu mit Sicherheit wieder zum Ortseingang zurückbringen, ohne dass er sein Ziel auch nur gesehen hätte. Die drei Barrancos oberhalb der Gemeinde erreicht man hingegen gut am Ayuntamiento vorbei und dann immer geradeaus den Hang hinauf. Für den Rückweg gilt allerdings das davor Geschriebene. In der Nähe der alten Mühle, die an den großen Arkaden ihres Wasserzulaufs gut erkennbar ist, sollte man sein Auto parken und auf der asphaltierten Piste zwischen den Weingärten weitergehen. Weiter oben gibt es kaum gute Parkgelegenheiten.

Bald ist die letzte Linkskurve erreicht, hinter der die Piste in den Grund des Barranco de Gambuesas hinabführt. Jenseits geht sie ohne Asphalt weiter. Dieser erste Barranco ist zwar zugänglich, aber nur etwas für abenteuerlustige Entdecker. Ein Steinschlaghelm ist dort zu empfehlen; denn die Spuren eines kleinen Felssturzes aus jüngster Zeit sind unübersehbar. Eine Machete gegen die Brombeeren wäre auch nicht schlecht. Folgen wir hingegen der Piste über den nächsten Bergrücken und in den Barranco de Añavingo hinein, haben wir es mit gänzlich anderem Gelände zu tun. 1234567890Der Weg ist ziemlich gut, teilweise in vorbildlichem Zustand und nie zugewachsen, obwohl die üppige Vegetation häufig dicht an ihn heran reicht. Stetig geht es leicht aufwärts, ohne anstrengend zu werden.

Zunächst sind die Bergflanken rechts und links des Weges noch nicht ungewöhnlich steil. Zahlreiche Mauern zeigen die längst aufgegebenen Terrassenfelder auf den Hängen an. Typische Trockenbuschvegetation aus sukkulenten Sträuchern und Opuntien bedeckt alles. Kurz hinter einem filigranen, etwas in die Jahre gekommenen Aquädukt verlassen wir die Piste bei einer kleinen Natursteinbank und folgen dem schmalen Fußweg. Die Pflanzenwelt ändert sich auf wenige Schritte. Die Lavendelbüsche bleiben zurück und auch die Tabaibas. Die Wände rücken enger zusammen und werden steiler. Die Schlucht ist hier schattiger und das Grün üppiger. Wahrscheinlich blüht hier fast das ganze Jahr über etwas. Wenigstens drei Johanniskraut-Arten, deren gelbe Blüten von einer Halbkugel aus duftig lockeren Staubblättern gekrönt werden, rosafarbene Cistrosen, das leuchtende Rot zahlreicher kanarischer Glockenblumen, gelbe Dolden des bis zu 3 m hohen Rutenkrauts, wie riesige Löwenzahnblumen erscheinende Gänsedisteln und noch viele andere empfehlen den Besuch dieses Barrancos besonders im Frühjahr. Bäume und Sträucher halten sich hier nicht an die ihnen im Lehrbuch zugewiesenen Höhenstufen. Wir finden Kanarenkiefern aus dem Hochgebirge neben Schneeball, Bencomia, Baumheide, Gagelbaum und Natternkopf, ein natürlicher Querschnitt durch sonst deutlich getrennte Vegetationszonen.

Plötzlich hört der gute Pfad auf, die weiterführende Trittspur ist mit rot-weißem Band abgesperrt. Ein Schild weist auf Steinschlaggefahr hin. Obwohl die starken Regenfälle, nach denen sie angebracht worden sind, schon eine Weile zurückliegen, halten wir uns daran, zumal links von uns Steinstufen auf einen kleinen Absatz hinaufführen, denen wir folgen. Ein kleines, sorgfältig gezimmertes zweiflügeliges Fenster ist in eine Felsnische eingepasst. Dahinter steht eine kleine Statue des heiligen Augustinus. Mehrere hübsche Laternen, wie sie früher von den Bauern aus Dosenblech hergestellt wurden, hängen daneben. Wir haben das Ziel der seltenen Wallfahrten erreicht.

Die ersten Pilger kamen hierher, nachdem Arafo von einigen Katastrophen heimgesucht worden war. 1705 hatte der Volcán de Arafo, der oberhalb des Tales in der Caldera de Pedro Gil ausgebrochen war, mit seinen Lavamassen den Barranco de Arafo und mit ihm zahlreiche Felder und vor allem fast alle Wasserquellen des CIMG5357 1Ortes verschüttet. Erhalten blieb die Quelle von Añavingo, weshalb man den Ort bergaufwärts und näher zu dieser verlegte. Vierzig Jahre später verschüttete ein Bergrutsch diese letzte Quelle. Trotz größter Anstrengungen gelang es nicht, sie wieder frei zu legen. Der Ort war vom eigenen Wasser abgeschnitten, welches jetzt mühsam aus dem eine Wegstunde entfernten Güímar geholt werden musste. Der Ort gehörte damals den Augustinermönchen aus La Laguna. In ihrer Not beschlossen die Bewohner, die Statue ihres Schutzheiligen in den Barranco zu tragen und bei der Verschüttung in einer Nische aufzustellen. Der Tag war heiß und wolkenlos. Trotz allen Flehens geschah nichts. Die Leute kehrten ins Dorf zurück, ließen den Heiligen aber dort. Am Abend braute sich ein heftiges Unwetter zusammen und entlud sich mit Platzregen über der Region. Als man am nächsten Morgen nach der zurückgelassenen Statue schaute, war diese gänzlich unbeschädigt, die Kerze daneben brannte noch, aber in der Nähe sprudelte Wasser und versiegte auch in den Jahren danach nicht. Der Sturzregen hatte der Quelle wieder einen Weg an die Oberfläche gebahnt. Die Leute sahen das als ein Wunder, el Milagro de San Agustín.

„Das ist einer der schönsten Wege hier auf der Insel“, sagte meine Frau auf dem Rückweg. Nach fünfzehn Wanderjahren auf der Insel ist das ein gewichtiges Wort.

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